Besuchsdienst - aus Ronjas Sicht

 

 

Hallo Leute,


darf ich mich vorstellen? Ich heiße eigentlich, sagt jedenfalls mein Frauchen, Trendsetter's Aphrodite, aber alle rufen mich nur Ronja. Ich gehöre der seltenen Rasse Irish Red and White Setter an und sehe genauso aus, wie der Name schon sagt, nämlich rot–weiß .
Für meine zwei Jahre habe ich schon eine reichlich bewegte Vergangenheit hinter mir. Ich war nämlich schon einmal weg von meiner Züchterfamilie, kam aber dann wieder zurück. Aber das ist ein ganz andere Geschichte, die ich Euch vielleicht ein anderes Mal erzählen werde.

Bei meiner neuen alten Familie hatte ich ein ruhiges und beschauliches Leben, abgesehen von den täglichen Streitigkeiten mit meinen Mitsettern.

Aber eines Tages wurde alles ganz anders. An einen Sommertag packte mich nämlich mein Herrchen ins Auto, wo ich doch, seitdem man mich zurückgebracht hatte, Autofahren gar nicht mehr gut leiden mochte. Frauchen fuhr jedenfalls auch mit. Es dauerte gar nicht lange und wir hielten vor einem großen Haus, viel, viel größer als unseres. Dort stiegen wir alle drei aus und ich wurde auch noch mit dem Kamm "feingemacht".Was das wohl zu bedeuten hatte ? Frauchen ging schließlich mit mir hinein und klopfte an eine Türe. Im Zimmer trafen wir eine nette Frau, die mich auch gleich liebevoll streichelte und sich mit meinem Frauchen über Dinge, die ich (noch) nicht verstand, unterhielt. Oh, nein, sollte ich jetzt schon wieder meine Familie verlassen? Aber dann kam Herrchen und schließlich durfte ich meine Zweibeiner wieder nach Hause begleiten, was mich einigermaßen beruhigte.

Dieser Tag sollte aber trotzdem mein ganzes Hundeleben entscheidend verändern, wie ich aber erst viel später bemerkte. Denn einige Tage darauf fuhren wir wieder zu dem großen Haus oder zum "Altersheim", wie es meine Leute nennen. Dieses Mal allerdings liefen wir über lange Flure und trafen sehr viele Leute, die entweder ganz in Weiß gekleidet waren oder sehr komische Wägen bei sich hatten. Manche saßen auch in Stühlen mit merkwürdig großen Rädern, einige liefen auch umher und hatten riesige Stecken bei sich. In den Zimmern in die ich meinen Kopf, neugierig wie ich nun einmal bin, hineinsteckte, lagen die Zweibeiner in Betten und das am hellichten Tag. So etwas hatte ich vorher wirklich noch nie gesehen und ganz geheuer war mir das, ehrlich gesagt, nun echt nicht. Aber die Zweibeiner waren sehr liebenswürdig zu mir, streichelten mich und Leckerlies bekam ich auch in einer solchen Menge, wie ich sie zu Hause noch nie bekommen habe.
Naja, einige der Menschen waren auch ganz schön grob, zogen mich sogar an den Ohren und rupften mir am Fell, so etwas war ich bisher nur von den anderen Settern gewohnt. Frauchen und Herrchen passten aber sehr gut auf, dass es nicht zu toll wurde. Meine Leute sagten mir auch, dass es die Zweibeiner gar nicht böse mit mir meinen würden, sie könnten wohl ihre Bewegungen nicht mehr so richtig kontrollieren, was auch immer dies heißen mag.

Seit dieser Zeit besuche ich ein oder auch mehrere Male in der Woche die Leute in diesem Seniorenheim. Jedesmal, wenn Frauchen oder Herrchen die Leine in die Hand nehmen, warte ich schon voller Spannung darauf, ob ich denn heute wieder zu meiner "Arbeit" gehen darf.

Denn inzwischen warten schon die allermeisten Bewohner dieses Hauses sehnsüchtig auf mich und freuen sich sehr über die Abwechslung, die ich und meine Leute, in den Schulferien begleitet uns auch mein Juniorfrauchen Tamara, in den recht langweiligen Alltag bringen. Aber ich kann sogar noch mehr. Mein Frauchen sagt, sie wäre sehr stolz auf mich, denn ich wäre ein richtiger Therapeut. Ich kann nämlich Menschen zum Sprechen und zum Laufen bringen, etwas, was viele Zweibeiner schon vorher vergeblich bei den Senioren versucht hätten.

Wenn ich von meinem Besuchsdienst dann wieder nach Hause komme, bin ich ganz schön geschafft, denn so viele Menschen und Eindrücke auf einmal sind nicht nur für Zweibeiner sehr anstrengend. Diese sind übrigens auch immer ganz erledigt. Nachdem ich mir noch eine kurze Toberunde im Garten gegönnt habe, rolle ich mich ganz müde und zufrieden auf dem Sofa zusammen und träume von vielen Streicheleinheiten, netten alten Damen und Herren und von jeder Menge Köstlichkeiten ganz für mich alleine.

Sogar das Fernsehen hat mich mittlerweile auf einen meiner Rundgänge im Altersheim begleitet. Das war vielleicht anstrengend, sage ich euch. Ständig mussten wir alles wiederholen; ins Zimmer rein, wieder raus und und und ...Aber ich habe wieder einmal mehr bewiesen, dass ich viel geduldiger bin, als die Zweibeiner. Natürlich habe ich mich während der zwei Stunden nur von meiner allerbesten Seite gezeigt und so konnte ich mich einige Zeit später sogar auf dem Bildschirm bewundern. Frauchen hat behauptet, so schön wie auf dem Bildschirm wäre ich ihr noch nie vorgekommen, aber nachdem das die Altenheimleiterin bestätigt hat, wird es schon stimmen.

Inzwischen arbeite ich schon seit fünf Monaten als Co-Therapeut in der Altenpflege. Leider sind einige Leute, an die ich mich schon gewöhnt hatte, nicht mehr da. Herrchen und Frauchen waren auch schon ganz traurig darüber. Aber es gibt ja noch viele andere, die sich über einen Besuch von mir und meinen Zweibeinern freuen. Außerdem entdecke ich auf jeder Station immer wieder neue Gesichter. Und sogar Leute, die anfänglich vor mir Angst hatten und mir aus den Weg gingen, bekommen jetzt strahlende Augen, wenn ich auftauche und streicheln und knuddeln mich. Dass die Meisten rufen :“Da kommt ja unsere Ronja", das macht mich ein ganz klein wenig stolz und sehr zufrieden.

Auch meine Zweibeiner sagen, sie möchten die Besuche nicht mehr missen, denn jedesmal hat man ein oder mehrere Erfolgserlebnisse, sei es, dass jemand spricht, sich richtig freut oder auch Gehübungen macht, indem er zu mir läuft.
Vielleicht hat mein Bericht jetzt auch einige Zweibeiner ermutigt, es uns mit ihren Settern gleich zu tun. Wir würden uns sehr darüber freuen,denn die Behauptung, ein Setter würde sich nicht als Therapiehund eignen, kann doch nur von Leuten kommen, die noch nie einen Setter geführt haben, sagt mein Frauchen und die muss es ja wissen. Schließlich bin ich ja nicht ihr erster Setter.
Bis bald
Euere Ronja im Dezember 2001

Leider muss wohl alles einmal ein Ende haben, sagt jedenfalls Frauchen. Sie hat sehr geweint, bevor wir im Februar wieder ins Altersheim gingen. Diesmal war alles anders als gewohnt. Herrchen und Frauchen haben sich von den Leuten dort verabschiedet, es war wirklich sehr traurig. Ich hab bis heute nicht verstanden, was eigentlich passiert war. Nur eines weiß ich ganz sicher, mit mir hatte das nichts zu tun. Meine Zweibeiner und ich waren sehr enttäuscht. Ganz plötzlich gab es keine strahlenden Augen, kein Schmusen mit den Senioren mehr, denn wir konnten sie ja auch nicht besuchen.

Dann nach einer mir endlos lang erscheinenden Zeit war es endlich wieder so weit. Ich habe das einfach daran erkannt, dass mein Rucksack mit den Leckerchen, dem Clicker und natürlich dem Handtuch für meine Pfoten gepackt wurde: Aber halt, was war denn das, alles war irgendwie fremd? Das Haus vor dem wir hielten, sah vollkommen anders aus und auch die Leute kannte ich noch gar nicht. Wir liefen wieder durch viele Räume und es gab natürlich wieder jede Menge Streicheleinheiten und Belohnungen für mich. Frauchen hat sich sehr gefreut und gesagt, wie froh sie wäre, dass wir wieder einen Einsatzort gefunden haben. Das erste Mal waren soviele neue Eindrücke ganz schön anstrengend für mich. So habe ich den Nachmittag auf dem Sofa verschlafen. Aber nun bin auch ich ganz happy, dass ich wieder "arbeiten" darf.

Bis bald
Euere Ronja im März 2002

 

 

 
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© 2001-2008 Silvia Gabler