Letzter Gruß

 

  

  

Der Tod ist groß

Wir sind die Seinen,

Lachenden Munds.

Wenn wir uns mitten im Leben meinen

Wagt er zu weinen

Mitten in uns.

Rainer Maria Rilke

 

 

Liebe Olympia,
wieder sitze ich hier und schreibe an Dich, doch diesmal ist alles anders, niemand liegt mehr wohlig entspannt zu meinen Füßen und sieht mir dabei zu.
Als ich vor nicht einmal drei Monaten den Brief zu Deinem 10. Geburtstag schrieb, konnte niemand ahnen, wie kurz die Spanne, die uns noch für unser gemeinsames Leben vergönnt war, doch sein würde.

Ich sehe Dich noch vor mir, als Du noch vor einer Woche zusammen mit Deiner Tochter Ronja im Dietfurter Tal voraus liefst und zielstrebig die kleine Brücke, die dort über den Bach führt, überquertest, ohne auf uns zu warten. Du kanntest ja den Weg, und hast auf der anderen Seite verharrt, mit dem sicheren Wissen, dass wir bald nachkommen würden.

Nun hast Du wieder eine Brücke überquert, über die ich Dir noch nicht folgen kann und darf, denn diese trennt die Welt der Lebenden von den Toten. Ich nehme an, Du hast dort Deine Weggefährtin seit Welpentagen, Diva, wieder getroffen, und nun wartet ihr gemeinsam darauf, dass ich Euch irgendwann folgen werde. Vielleicht müsst Ihr euch noch eine lange Zeit gedulden, vielleicht aber werden wir uns schon bald wieder sehen, niemand kann das wissen.

Ach und könnt' ich nur ein einz'ges Mal die Uhren rückwärts drehen. Wie gerne würde ich Dir ins Reich der Toten folgen, wie einst Orpheus in der griechischen Sage seiner geliebten Eurydike, um dort die Götter zu überreden, Dich mir zurückzugeben. Und doch würde ich wohl, genau wie Orpheus, voller Ungeduld hinter mich blicken und dann schmerzlich erkennen müssen, dass ich Dich endgültig, unwiederbringlich an eine andere Welt verloren habe.

Ohne Dich ist alles so leer, Du fehlst an allen Ecken und Enden. Immer noch erwarte ich, dass Du plötzlich mit wedelndem Schwanz vor mir stehst und alles nur ein böser Traum war. Aber niemand wird mich
frühmorgens mehr unsanft wecken, indem er mir mit der Zunge quer über mein Gesicht fährt oder mir die Rute um die Ohren schlägt. Es wird auch keine verwüsteten Betten, keine zerrissene Bettwäsche und tiefe Kuhlen in den Matratzen mehr geben. Niemand wird mich in aller Frühe mehr ungestüm bellend auffordern, doch endlich aufzustehen und die Tür zum Garten zu öffnen. Nach Divas Tod warst Du die Einzige, die das Privileg genießen durfte, noch bei Herrchen und Frauchen im Schlafzimmer zu nächtigen.
Dorthin hast Du Dich auch allzu gerne zurückgezogen, wenn Dir die anderen bellenden und maunzenden Vierbeiner, die noch bei uns leben, wieder einmal mit ihrer aufdringliche Art den letzten Nerv raubten. Dieser Raum war Dein Reich, über das Du uneingeschränkte Herrscherin warst, doch nun ist Dein Platz verwaist.

Wie oft habe ich Dich wegen Deiner Unarten geschimpft, aber nun würde ich doch alles dafür geben, all diese Dinge noch einmal erleben zu dürfen. Leider erkennen wir Menschen den wirklichen Wert eines Lebewesens immer nur dann, wenn wir seinen Verlust betrauern müssen.

Als Dich Herrchen an Deinem allerletzten Tag auf dieser Welt in aller Frühe zum Auto trug, um mit Dir in die Tierklinik zu fahren, hatte ich noch einen winzigen Funken Hoffnung, dass alles wieder gut werden würde und Du uns noch eine Zeit auf unserem Weg begleiten würdest. Aber im Laufe des Tages musste ich mit Schrecken erkennen, wie sehr dieser Tag dem letzten Tag Deiner geliebten Gefährtin Diva glich. Wieder führte ich unzählige Telefonate, schwankte zwischen Hoffen und Bangen, wieder wurde mir gesagt, es ginge besser, nur um mir dann immer wieder neue Hiobsbotschaften zu vermittlen. 
Und wieder stand am Ende eines schrecklich langen Tages  die unmenschlicheste Entscheidung aller Entscheidungen über Leben und Tod im Raum. Wieder sahen wir uns gezwungen, den Weg zu gehen, den wir nach Divas und Munas Tod eigentlich nie wieder gehen wollten. Wir haben schweren Herzens entschieden, Dich friedlich einschlafen zu lassen, um Dir Leiden zu ersparen, auch wenn es sich, genau wie damals bei Diva, sicher nur noch um Stunden gehandelt hätte. Hilflos zusehen müssen, ohne helfen zu können, ist eine Qual und so haben wir Dir den letzten Dienst erwiesen, indem wir das einzig noch menschenmögliche für Dich getan haben und Dich durch das große Tor und dann über die Brücke in eine andere Welt, die uns noch verschlossen ist, gehen ließen.

Du warst nicht "nur" ein Hund, wie viele Menschen nun wohl sagen werden, Du warst viel mehr. Du warst Freundin, Partnerin, Spielgefährtin der Kinder, Mutter von acht Welpen, Freude in glücklichen und Trost in traurigen Tagen. Wie schon das Gedicht auf Deiner Seite sagt, hast Du uns in zehn Jahren viel mehr gegeben, als man je von einem Menschen erwarten darf und kann. Was uns bleibt ist die Erinnerung, ein kostbares Gut, das uns, solange wir leben, niemand nehmen kann.

Dein plötzlicher Tod hat uns wieder einmal mehr vor Augen geführt, dass nichts im Leben wirklich gewiss ist, außer, dass unser irdisches Dasein zwangsläufig früher oder später enden wird.

In Liebe
Dein Frauchen

 

 

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© 2005-2015 Silvia Gabler