Leinenzwang

 

  

Während früher freilaufende Hunde aller Größen geradezu zum Ortsbild gehörten, und sich wirklich dramatische Vorfälle in Grenzen hielten (was sie auch heute noch tun!), kennt heutzutage die Hysterie um Hunde keine Grenzen. Jeder, noch so geringe Vorfall mit Hunden wird -besonders von den Medien - zu einer Katastrophe hochstilisiert. Nun sollen auch in Bayern in den meisten Gemeinden alle "großen" Hunde an die Leine, also eine Kollektivstrafe für alle Großhundehalter, wegen einer Handvoll auffällig gewordener, unbelehrbarer Halter. Die neue Verordnung wird sicher nicht viel mehr außer einem Berg Verwaltungsarbeit und jede Menge Denunzianten hervorbringen. Unvernünftige Hundehalter werden ihre Tiere trotz der Strafandrohung weiterhin frei laufen lassen, während diejenigen, die sich korrekt verhielten, bestraft werden, indem ihnen eine artgerechte Hundehaltung kaum mehr ermöglicht wird.

 

Im übrigen ist es auch überhaupt nicht einzusehen, dass der eigene große, angeleinte Hund von einem verzogenen, aber unter dieser Grenze liegenden, und deshalb frei laufenden Kleinhund "mutig" attackiert wird, während der Kleinhundebesitzer feixend daneben steht. Dass auch Kleinhunde beißen, Unfälle verursachen und andere ängstigen können, wird vom Gesetzgeber vollkommen ignoriert. Bevor ich nun wütende Mails von Kleinhundebesitzern bekomme, ich weiß, wovon ich schreibe. Wir hatten selbst über dreizehn Jahr lang einen Kleinpudel, der von meinem Vater maßlos verwöhnt wurde und sich auch dementsprechend benahm. Ich denke, Hunde müssen, ganz unabhängig von der Größe, konsequent erzogen werden.

 

Nichts desto trotz wäre einmal eine Studie interessant, woher gerade in unserem Zeitalter, in dem es wahrlich weitaus größere Unfallgefahren für den Menschen als Hund und Wolf gibt, z.B den Autoverkehr, den eigenen Haushalt und auch Pferde !! usw., sich diese - unbegründete - Hysterie überhaupt aufbauen konnte. Niemand würde doch ernstlich z.B nach einer Studie, die ergibt, dass eine bestimmte Automarke am häufigsten an tödlichen Verkehrsunfällen beteiligt ist, diese Automarke per Gesetz verbieten oder den Fahrzeughaltern bestimmte Sanktionen auferlegen. Das würde umgehend zu einer riesigen Protestaktion führen, aber Hundehalter sind dagegen wehrlose Spielbälle der Gesetzgeber, besonders in Wahljahren, da es leider auch bei den meisten Hundebesitzern untereinander an Solidarität mangelt.

 

Nun sind Rettungs-, Behindertenbegleit - und Blindenhunde und auch andere Arbeitshunde, wie Jagdhunde, Hütehunde usw. in der Regel von solchen Maßnahmen ausgenommen. Aber haben die Gesetzgeber einmal bedacht, dass kein Hund automatisch so geboren wird?? Es bedarf immerhin mindestens zwei Jahre Vorbereitung und Arbeit, bis ein Hund in der Lage ist, derartige Aufgaben auch wahrnehmen zu können. Nun steht jeder Ausbilder vor der Frage, wie bitte der Hund richtig und gut sozialisiert und auf seine künftige "Arbeit" entsprechend vorbereitet werden kann, wenn allerorten Leinenzwang für große Hunde herrscht?

 

Richtig, auch kleine Hunde, die nicht immer unbedingt harmloser als große Hunde sein müssen,  eignen sich zu Behindertenbegleit - und auch Therapiehunden. Aber ich kann mir beim besten Willen keinen Westie oder Dackel als Rettungs - oder Lawinenhund vorstellen, auch als Blindenhunde sind diese Rassen aufgrund ihrer geringen Größe eben nicht geeignet.  Einem künftigen "Arbeitshund" müssen aber Begegnungen ohne Leine ermöglicht werden können und das nicht nur auf der grünen Wiese oder im finsteren Wald, sondern dort, wo er später auch tatsächlich eingesetzt werden soll, nämlich inmitten von Menschen und das auch ohne Leine.

 

Bedauerlich, dass der Gesetzgeber daran nicht gedacht hat, noch bedauerlicher allerdings, dass die entsprechenden Vereine, die sich die Ausbildung solcher Hunde zur Aufgabe gemacht haben, nicht auch einmal sich deutlich in der Öffentlichkeit zu Wort melden und auf diese geradezu paradoxe Situation aufmerksam machen. Was nutzt es dem Hund, wenn er mit ein oder auch zwei Jahren von der Leinenpflicht befreit wird, aber keine Möglichkeit hatte, das Verhalten ohne Leine in der wichtigsten Prägungsphase seines Lebens, nämlich im ersten Lebensjahr zu lernen??? Allen, die jetzt argumentieren, dass Hunde unter den willkürlich festgelegten 50 Zentimetern, doch frei laufen dürften, sei entgegengehalten, dass "große" Hunde wie Retriever, Schäferhunde usw. bereits mit fünf, sechs Monaten, diese für die Gesetzesgebung magische Grenze (Anmerkung: In einigen Gemeinden und Bundesländern besteht Anleinpflicht bereits für Hunde ab 40cm Schulterhöhe) überschritten haben .
Sinnvoller wäre es, auffällig gewordenen Hunde aller Größen und deren Halter mit entsprechenden Sanktionen zu belegen, anstatt eine ganze Spezies in gerade zu mittelalterlicher, inquisitorischer Art und Weise (damals waren es Katzen, aber auch große, schwarze Hunde) zu verteufeln.

 

Ich schließe in der geringen Hoffnung, dass die Menschen noch zur Vernunft kommen, ehe alle großen Hunderassen in Deutschland erfolgreich ausgerottet worden sind.

 

                                                                                                                                                 weiter zu Ein einfacher Satz 

 


© 2002-2015 Silvia Gabler